29
Mrz
2014

Der Fremde im Zug

Der junge Mann sitzt mir gegenüber. In Fahrtrichtung. Er hat mich darum gebeten, ihm diesen Platz zu überlassen, weil ihm sonst übel würde. Ich machte den Platz frei und setzte mich auf die andere Seite des Tisches in dem kleinen Abteil. Das war vor zwei Stunden geschehen. Drei mal gehalten hatte der Zug seitdem. Nicht ein Wort hatten wir in dieser Zeit gewechselt. Ich hatte ihn zwei Stunden lang ununterbrochen gemustert und er hatte so getan, als bekäme er das nicht mit. Er hatte die ganze Zeit in aller Seelenruhe seine Zeitung gelesen, ein etwas anspruchsvolleres Blatt, aber dennoch nichts, das den Kopf anstrengt.
Er trägt ein weißes Hemd unter einer hellgrauen Weste. Seine braune Kordhose passt nicht vollständig zu seiner restlichen Garderobe, verleiht ihm aber eine Leichte Note der Lässigkeit, ist sie doch nicht aufgerieben oder gar schmutzig. Ebenso seine Haare, bei denen sich nicht sagen lässt, ob er sie etwas zu lang, oder etwas zu kurz trägt. Sein Gesicht ist gewissenhaft rasiert, die gezupften Augenbrauen und die strahlend weißen Zähne verleihen ihm ein außerordentlich gepflegtes Äußeres.
Grundsätzlich kann man bei ihm wohl von einem sympathischen Menschen sprechen, hätte er nicht einen Gesichtsausdruck, der das Gegenüber geradezu davor warnt, ihn nicht anzusprechen.
Auffällig ist auch, dass er, ebenso wie ich, keinerlei Gepäck mit sich führt. Lediglich seine Regenjacke, einen schwarzen Trilby-Hut und die Zeitung hat er dabei.
Nun ist ihm vor über zehn Minuten eine Schachtel Zigaretten aus seiner seitlichen Hosentasche gerutscht, ohne dass er davon Notiz genommen hätte. Ich bin mir nicht sicher, ob er es nicht bemerkt hat, oder ob es ihm egal ist. Ich denke darüber nach, wann wohl der Perfekte Augenblick ist, ihn auf sein Missgeschick aufmerksam zu machen.
Jetzt gleich? Wenn er die Zeitung beiseite legt, um aus dem Fenster zu sehen, so wie es fast alle Zugreisenden irgendwann tun? Wenn er die Bahn verlassen will und die Tür des Abteils bereits hinter ihm zu geglitten ist, sodass er umkehren muss?
Nein.
Ich werde es ihm überhaupt nicht sagen. Ich werde warten, bis er das Abteil Richtung Speisewagen oder Toilette verlässt und die Schachtel dann an mich nehmen. Oder noch besser: Ich nehme nur die Zigaretten an mich. So werde ich es machen. Ich leere die Schachtel aus, packe die Zigaretten zu meinen Eigenen und lege die Packung dann zurück. Später, wenn er wieder zurück ist und einige Zeit Platz genommen hat, mache ich ihn darauf aufmerksam, dass er etwas verloren hat. Es wird interessant werden, zu sehen, wie er auf das, was er aufhebt reagiert.

"Wollen Sie auch?" seine Stimme reißt mich aus meinen Gedanken. Ich sehe auf. Der junge Mann hält eine Tüte Erdnüsse in seiner Hand, die er mir entgegen streckt. Auf seinem Gesicht zeichnet sich zum ersten mal, seit er eingestiegen ist, ein Lächeln ab. "Gerne", entgegne ich, "vielen Dank."
"Wie heißen Sie?" will er jetzt von mir wissen. Warum plötzlich? Seit über zwei Stunden schweigen wir uns an und auf einmal fängt er ein Gespräch an?
"Pierre", lüge ich, "und Ihrer?"
"Pavel. Es ist nett von Ihnen, dass Sie ihren Platz für mich frei gemacht haben, aber ich muss ihnen etwas gestehen."
"Was denn?"
"Ich habe Sie angelogen. Mir wird nicht übel, wenn ich rückwärts fahre. Ich wollte nur sehen, ob Sie für einen wildfremden ohne Weiteres Platz machen."
"Ach was?"
"Es tut mir außerordentlich Leid, aber ich experimentiere einfach gerne mit dem Verhalten von Menschen."
Mit diesen Worten erhebt sich Pavel. "Und nun entschuldigen Sie mich bitte für einen Augenblick, ich muss mir nur eben die Hände waschen."
Er verlässt dass Abteil. Sobald die Tür wieder zu geschwungen ist, greife ich nach der Packung und stelle fest, dass Pavel die selbe Marke raucht wie ich. Ich kippe die Zigaretten, es sind noch fast Alle, auf den Tisch und räume Sie in meine eigene Schachtel. Eine ist zu viel, ich stecke sie in die Brusttasche meines Hemdes. dann lege ich die Leere Hülle dorthin zurück wo sie war und wische mit meinem Unterarm den Tabak, der sich gelöst hat vom Tisch.
Nur wenige Minuten später ist Pavel zurück. "Die nächste Haltestelle ist Endstation", sagt er, "steigen Sie um?"
"Ich weiß noch nicht."
"Wie kommts? Ich auch nicht." grinst Pavel.
Was ist das für ein seltsamer Kerl? Fährt mit dem Zug durch die Gegend, ohne zu wissen wohin. Andererseits mache ich es genauso.
"Ich fahre um des Fahrens Willen." entgegne ich ihm.
"Sie beobachten Menschen." erwidert Pavel, "So wie ich."
"Sie beobachten Menschen?"
"Ja, so wie Sie. Seit ich eingestiegen bin, beobachte ich Sie. Ich kann ihnen sagen, welche Schuhgröße sie haben, wann sie das letzte Mal Wasser getrunken haben, welche Knöpfe an ihrem Hemd einmal abgerissen sind und, dass sie ohne Ticket fahren."
Er ist gut. Allerdings weiß er mit Sicherheit nicht, dass meine Schuhe ausschließlich mit eine japanischen Größe ausgestattet sind, die weder einer europäischen, noch einer Amerikanischen klar zuzuordnen ist.
"Woher wissen Sie, dass ich schwarz fahre?"
"Es ist dieser ganz bestimmte Blick, den sie dem Personal zuwerfen. Den haben nur Schwarzfahrer. Wenn sie wollen dann helfe ich ihnen, ohne Kontrolle aussteigen."
"Ich denke ich werde wie immer über den Gepäckwagen aussteigen. Klappt fast jedes Mal."
"Kommen sie schon! Das ist doch unwürdig!"
Als der Zug knapp eine Viertelstunde später im Zielbahnhof einfährt, steht Pavel schon bereit. Als der Schaffner am Ausstieg sein Ticket kontrollieren will, macht er einen Satz an ihm vorbei und versucht über das Gleis davon zu laufen. Der Schaffner dreht sich um und stürmt ihm hinterher. Als er ihn erreicht hat, zeigt Pavel brav sein Ticket vor.
Ich, inzwischen durch die freie Tür ins Freie geschlüpft, laufe nun auf ihn zu.
"Vielen Dank! Ich schulde ihnen Etwas. Darf ich sie zum Essen einladen?"
Pavel grinst mich wieder an, als er erwidert: "Ich würde liebend gerne mit Ihnen zu Abend essen, aber doch bitte auf eigene Rechnung. Als kleine Entschädigung würde ich mich allerdings sehr über eine meiner Zigaretten freuen."

Der Anfang

Ich beobachte.
Ich beobachte die Menschen und wie sie sich verhalten. Wie Sie versuchen, Gesellschaften zu bilden. Wie jeder Einzelne von ihnen versucht, sich selbst als wertvollen Teil eben dieser Gesellschaften darzustellen.
Wie dennoch jeder Einzelne von Ihnen dem Anderen schadet, dann wenn es niemand sieht, oder dann, wenn es Alle sehen, weil daraus ein Vorteil resultieren könnte.
Die Menschen verkünden gerne laut, man käme nur miteinander voran und versuchen dabei in Wirklichkeit nur, die Arbeit von Anderen erledigen zu lassen.
Die Menschen organisieren sich auch gerne in Gruppen, um ihre eigenen Interessen durchzusetzen. Dabei nehmen sie keine Rücksicht auf die der Anderen bis sie feststellen, dass auch innerhalb ihrer Gruppe niemand exakt die selben Ziele verfolgt.

Dies sind nur wenige, der Erfahrungen, die ich gemacht habe.
Ich werde hier Geschichten über Menschen erzählen. Ich werde Geschehnisse aus meiner Sicht darstellen und dabei versuchen, neue Perspektiven zu eröffnen. Ich versuche das, was ich sehe, zu hinterfragen, auch wenn ich es für unverständlich halte.

Ich beobachte.
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